Wo des Kaisers Herz ruht

 

Die Stadtpfarrkirche ist beinahe so alt wie der um 1230 angelegte Linzer Hauptplatz

 

Man errichtete die Linzer Stadtpfarrkirche an der damaligen Stadtmauer am heutigen Pfarrplatz, wo sie Zentrum eines Ensembles ist, das mit seiner alten Architektur zum besonderen Reiz der Landeshauptstadt beiträgt. Wahrscheinlich fand die Weihe der Stadtpfarrkirche bereits um die Mitte des 12. Jahrhunderts statt, auch wenn die Kirche erst 1286 urkundlich erwähnt wurde. Nach einem Brand im Jahre 1411 erhielt das Gebetshaus Chor und Turm.

Herzbestattung. Von 1489 bis 1493 residierte Kaiser Friedrich III. in Linz; er machte die Stadt mit ihren kaum 2.000 Einwohnern zum Mittelpunkt des Heiligen Römischen Reiches. Der ungarische König Matthias Corvinus hatte vorher Wien und Teile Niederösterreichs erobert. Als der Kaiser 1493 starb, entfernte man Herz sowie Eingeweide und bestattete diese Organe in der Stadtpfarrkirche. Daran erinnert ein Wandgrabstein aus Rotmarmor neben dem Hauptaltar. Der einbalsamierte Leichnam „reiste“ nach Wien, das inzwischen wieder an Österreich gefallen war. Getrennte Bestattungen waren damals üblich und bildeten oft einen Teil des Hofzeremoniells. Das Herz galt als edelster Teil des Menschen; erst 1311 stellte ein Konzilsbeschluss fest, dass die Seele nicht nur dort, sondern im ganzen Körper wohnt.
Neue Religion. Zur Zeit der Reformation verbreitete sich die Lehre Martin Luthers in unserem Raum wie ein Lauffeuer. Immer mehr Leute bekannten sich zum protestantischen Glauben. Um den Katholizismus zu stärken, befahl 1574 Kaiser Maximilian II. dem Bürgermeister und anderen maßgeblichen Linzern, den Gottesdienst in der Stadtpfarrkirche zu besuchen. Ab 1600 hielten dort die Jesuiten Einzug. Mit ihren Predigten versuchten sie, die protestantische Gefahr zu bannen. Um 1650 ersetzte ein barocker Neubau die gotische Kirche. Architekten, Maler und Bildhauer dieser neuen Stilrichtung waren bestrebt, mit hellen Farben und bunter Ornamentik die Freuden des Paradieses darzustellen. Dreidimensional wirkende Deckenfresken waren besonders beliebt; Betende, die nach oben blickten, sollten sich wie im Himmel vorkommen. Die Stadtpfarrkirche verfügt jedoch nur über ein Exemplar derartiger Meisterwerke. Das Gemälde von Altomonte im Chorraum zeigt den Triumph der Religion, die eine weißgekleidete Frau versinnbildlicht. In einem Grabmal an der Außenwand entdecken wir ein weiteres bemerkenswertes Kunstwerk – eine Steinplastik. Sie zeigt einen zweigeteilten Kopf – halb Gesicht, halb Totenschädel. Die Allgegenwart des Todes war ein beliebtes Thema der Barockzeit. 1773 sah sich der Papst gezwungen, den Jesuitenorden aufzulösen. Seine Mitglieder sollen an Verschwörungen gegen die Staatsmacht in verschiedenen Ländern beteiligt gewesen sein. Kaiser Josef II. war bestrebt, selbst in geistlichen Fragen vermehrt Kontrolle über die Kirche auszuüben.
Berühmter Organist. Anton Bruckner diente 1855 bis 1868 als Organist des Doms und der Stadtpfarrkirche. Ein Reliefstein an der Portalseite erinnert an seine Tätigkeit in letzterer. Mit der Orgel in diesem Gotteshaus war er so unzufrieden, dass er ein Gutachten über ihre Mängel verfasste. Ludwig Moser, der sie gebaut hatte, empfand Bruckners abfällige Äußerungen über sein Meisterwerk als dreist. Inzwischen hat man das Musikinstrument mehrfach erneuert. Nun veranstaltet die Pfarre immer wieder Orgelkonzerte. Vielfältige Aktivitäten finden heutzutage in der Kirche und dem nahegelegenen Pfarrheim statt. Mehrere Gruppen geben sich dort ein Stelldichein: Tanzkreis, Senioren-Café, Spielgruppe etc. Diesen November organisieren Mitarbeiter der Kirche einen bunten Abend mit Weinbegleitung und einen Adventmarkt. Sie sind sichtlich um das Wohlergehen der 3.000 Katholiken bemüht, die in der Pfarrgemeinde leben.

 

Fotos: © Sokoloff, Lentia Verlag

 

2018-10-28T22:04:04+00:00