Residenz des genialen Sonderlings.

Das Adalbert-Stifter-Haus in Linz wird nach seiner Renovierung in neuem Glanz erstrahlen.

Die letzten 20 Jahre seines Lebens – von 1848 bis 1868 – verbrachte der Schriftsteller und Maler Adalbert Stifter im nach ihm benannten Haus an der Unteren Donaulände.

Dort verfasste er bedeutende Werke wie „Bunte Steine“, „Nachsommer“ und „Witiko“. Allerdings bezogen er und seine Ehefrau Amalie erst 1849 die großzügige Wohnung im zweiten Stock, die nun seine Gedenkstätte beherbergt. Dort brachten sie auch zwei Ziehtöchter, eine Köchin, ein Zimmermädchen und manchmal Gäste von auswärts unter. Heute dient das ganze Haus als Literaturmuseum, Bibliothek, Forschungsinstitut und Veranstaltungsort für literarische Lesungen. Literaturvereine wie der P.E.N. OÖ oder der Linzer Autorenkreis haben im ehemaligen Domizil des schrulligen Künstlers regelmäßig ihre Buchpräsentationen.

Kontroverse. Die Fachwelt ist sich uneinig über den Wert von Stifters detaillierten Naturschilderungen. Einige bedeutende Literaten verehren ihn, während andere wie etwa Thomas Bernhard sein Werk weitschweifig und langatmig fanden, ohne Leidenschaft und Tatkraft. Wegen der strikten Zensur war es zu Stifters Zeiten vorteilhaft, sich auf unverfängliche Themen wie Natur und Landschaft zu beschränken.

Liebe zu Linz. Als 1848 Aufstände in Wien ausbrachen, verlegte Stifter seinen Wohnsitz in unsere Landeshauptstadt. Wegen seines verschwenderischen Lebensstils plagten ihn finanzielle Sorgen, und er hoffte hier auf eine Anstellung im Staatsdienst. Tatsächlich ernannte man ihn 1850 zum Schulinspektor und drei Jahre später zum Konservator für Denkmäler in Oberösterreich. Als Wohnsitz wählte er das 1844 im klassischen Stil errichtete Haus.

Mobiliar. Während seiner Inspektionsreisen erwarb er oft Stilmöbel von Bauern, die er liebevoll selbst restaurierte. Besuchte er Freunde, brachte er manchmal ein Stück Holz eines Kastens oder von anderen Gegenständen mit, die er eifrig polierte und glättete. Leider ist das Mobiliar seiner Wohnung nur teilweise erhalten geblieben.

Gourmand. Die Küche blieb nur selten kalt, denn das dichterische Schwergewicht wog auch 130 Kilo und nahm täglich sechs Mahlzeiten zu sich. Ein zweites Frühstück, bestehend aus Schnitzel und Erdäpfelsalat, konnte als Auftakt für das Mittagessen dienen – zum Beispiel sechs Forellen und eine ganze gebratene Ente. Stifter wusste genau, welche Speisen er wollte. Wenn er auf Erholung in Kirchschlag weilte, ließ er manchmal Essen von zuhause nachschicken.

Pflanzenglück und Kinderpech. Während Amalie Seidenraupen züchtete, war Adalbert leidenschaftlicher Kakteensammler. Einmal pochte er um zwei Uhr früh an die Tür einer befreundeten Familie. Sie müssten sofort zu ihm kommen, urgierte er. Mit Ehrfurcht und Hingabe verfolgten sie dort das langsame Aufblühen einer Stachelpflanze, das Hervorquellen der rotgelben Staubblätter. Mit ihrer Ziehtochter Juliane erlebte das kinderlos gebliebene Ehepaar Stifter weniger Freude als mit ihren Pflanzen. Nachdem sie mit 18 von zuhause ausgerissen war, barg man ihre Leiche aus der Donau.

Viele Verdienste. Stifter hat auf verschiedenen Gebieten Großartiges geleistet. Unter anderem ließ er den gotischen Kefermarkter Altar restaurieren und rettete dieses einzigartige Vermächtnis durch seine Initiative. Er setzte sich auch eifrig für die Volksbildung ein. Allerdings stellte er sich gegen die Gründung einer geisteswissenschaftlichen Universität in Linz oder Salzburg. Denn arbeitslose Akademiker könnten gar zum Zündstoff einer Revolution werden, befürchtete der Bewahrer.

Selbstmord. Stifter wurde wahrscheinlich wegen seiner Fressgier und Trunksucht krank und arbeitsunfähig. 1865 ernannte man ihn zum Hofrat und schickte ihn in den Ruhestand. Auf dem Krankenbett beging der 63-Jährige 1868 mutmaßlich Selbstmord. Das Dach und die Fassade seines ehemaliges Refugiums werden derzeit bis voraussichtlich Juni erneuert. Weitere Infos zum Stifter-Haus:
www.stifterhaus.at

Fotos: © Stifter-Institut, Sokoloff, Wikipedia

2019-05-30T20:13:01+02:00