Flucht aus Böhmen

Ein Buch von Brigitte Lenz erinnert an das Schicksal der Sudetendeutschen

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Da es in der letzten Phase ständig Bomben auf Linz hagelte, zog Erika Lenz mit ihrer zweijährigen Tochter Brigitte ins sudetendeutsche Niedergrund bei Warnsdorf. Ihr Mann war zu dieser Zeit in britischer Kriegsgefangenschaft und in Böhmen war ihre Familie schon seit Jahrhunderten heimisch.

Die Wurzeln reichen bis in das 17. Jahrhundert zurück. Brigitte Lenz hat sich in einem Buch ihrer Familiengeschichte angenommen und dabei den Fokus auf das letzte Kapitel bzw. die dramatische Vertreibung aus Sudetendeutschland gerichtet.
Trügerische Sicherheit. Die Verwandten ihrer Mutter waren nicht wohlhabend. Sie meinten aber, der jungen Mutter eine ungefährliche Bleibe bieten zu können. Erika fand eine Stelle im Warnsdorfer Arbeitsamt. Bedenken, dass sie die Tschechen am Kriegsende ausweisen oder an ihr Vergeltung üben könnten, schenkte sie keinen Glauben. In ihrer Familie gab es keine Nazis oder gar Parteimitglieder. Dennoch nahmen Berichte von Gräueltaten gegen Deutschstämmige zu. Anfang Mai 1945, als der Krieg schon vorbei war, ergriff Erika mit ihrer Tochter die Flucht. Warnsdorf liegt nahe an der deutschen Grenze, sie wollte aber nicht in einem Internierungslager landen. Ihr Ziel, ihr Elternhaus in Linz, lag 377 Kilometer entfernt. Erst kurz unterwegs, traf sie auf tschechisches Militär; es wimmelte nur so von Soldaten. Aus Angst vor einer Vergewaltigung kehrte sie nach Warnsdorf zurück. Bald brach sie aber erneut auf. Dieses Mal nach Prag. Zwei Wochen dauerte es, bis sie zu Fuß, per Autostopp und mit dem Zug die 125 Kilometer lange Strecke zurückgelegt hatte. Unterwegs hatte sie manchmal Milch für ihre Kleine erbettelt, selbst aber keine Nahrung zu sich genommen. Oft schliefen sie auf offenem Feld, wobei Granaten um sie herum einschlugen. Erschöpft erreichte das Duo den Masaryk-Bahnhof in Prag – nur um zu erfahren, dass dort keine Züge mehr verkehrten. Auf dem Weg zum Wilson-Bahnhof ließ Erika ihr Gepäck zurück; sie würde ohnehin bald in Linz sein. Sie hatte tschechisches Geld bei sich und konnte sich radebrechend in der Landessprache verständigen.
Rachsucht. In der Stadt herrschte Anarchie. Die johlende Menge hielt immer wieder Deutsche fest, setzte sie auch in Brand und machte sich über die „lebenden Fackeln“ lustig. Die Menschen hegten einen unbändigen Hass gegen die drei Millionen starke Minderheit, die so viel Leid über sie gebracht hatte. Zwei Drittel der Deutschstämmigen hatten 1935 noch für die nazifreundliche Sudetendeutsche Partei gestimmt. Bei ihnen gab es damals 40 Prozent Arbeitslose und ihre Kinder waren unterernährt. Sie litten wesentlich mehr unter der Wirtschaftskrise als ihre tschechischen Nachbarn. In Deutschland hatte sich die Wirtschaft bereits erholt.
Verzweifelt. Erika wähnte sich in Sicherheit, als sie den Wilson-Bahnhof erreichte. Dessen leuchtender Jugendstil-Dekor hellte ihre Stimmung auf. Ohne Zögern wandte sie sich an die erste Verkaufsstelle, präsentierte ein paar Geldscheine und verlangte eine Fahrkarte. Der Beamte wies sie ab. Sie wanderte von Schalter zu Schalter – überall das Gleiche! Als sie den Prachtbau verließ und alle Hoffnung verloren hatte, sprach sie ein tschechischer Soldat auf Deutsch an. Während er den Fahrdienstleiter ablenkte, kletterte sie mit dem Kind über den Schranken und stieg in den Zug. Bald fand sie sich jedoch in einem Abteil voll von grimmig dreinblickenden tschechischen Soldaten, die sie argwöhnisch musterten. Plötzlich fuhr der Zug mit einem Ruck los, sie verlor den Halt und fiel zu Boden. Die Uniformierten schimpften tüchtig auf sie ein, während Erika ein Stoßgebet zum Himmel sandte: „Hoffentlich fängt das Kind nicht auf Deutsch zu plappern an!“ Sie hatte schon öfters gehört, dass die Tschechen die besiegten Feinde sogar aus fahrenden Zügen warfen. Wieder kam ihr in höchster Not ein galanter Soldat zu Hilfe. Er überließ ihr seinen Sitzplatz und holte den Schaffner herbei, damit sie eine Fahrkarte erhielt. Die anderen fluchten zwar weiter, ließen sie aber unbehelligt.
Inseln der Seligen. Über die Grenze Oberhaid erreichte Erika per Anhalter den Linzer Bahnhof. Die Straße, die sie einschlagen wollte, war von Bombentrichtern übersät. In einem Moment der Unachtsamkeit machte sich die kleine Brigitte selbständig und verschwand spurlos. Erika suchte nun verzweifelt und heulend nach ihr. Wieder hatte sie großes Glück – ein Polizist hatte die kleine Ausreißerin aufgestöbert. Die restlichen paar Kilometer bewältigten die beiden zu Fuß. Sie musste über den Rand eines Bombentrichters balancieren, um zur Gartentür ihres schwer beschädigten Elternhauses zu gelangen. Der Krieg war für sie nun vorbei. Erst viel später kehrte ihr Mann aus der Gefangenschaft heim.
Brutale Deportation. In weiterer Folge vertrieben die Sieger fast alle der drei Millionen Sudetendeutschen und konfiszierten ihr Eigentum. Manche, die nicht weitermarschieren konnten, wurden erschossen oder einfach liegengelassen. Vergessen wird leider auch, dass die vielen Vertriebenen bei uns als Staatenlose galten und zudem als Gefährdung für den Bestand Österreichs angesehen wurden. Manche wurden auch an der Grenze einfach zurückgewiesen. Jene, die bei uns Zuflucht fanden, erhielten laufend Besuch von der Fremdenpolizei und mussten noch lange mit der Angst vor einer Abschiebung leben, sofern sie keine familiären Verbindungen zu Österreich nachweisen konnten.

HINTERGRUND

Nach einer wahren Geschichte:
Brigitte Lenz wurde im Jänner 1943 in Linz geboren. Heute lebt sie in Kronsdorf und ist als Autorin tätig. Sie hat die dramatischen Erlebnisse ihrer frühen Kindheit im Jahr 1945 in einem ergreifenden Buch festgehalten. „Flucht aus dem Sudetenland. Eine wahre Geschichte“ erschien im Ebozon-Verlag als eBook und ist ein Zeitzeugnis des Zweiten Weltkrieges, das uns zum Nachdenken und zur Versöhnung aufruft.

Fotos: © Manfred Binder

2020-12-01T00:28:47+01:00