• Dany Sigel wurde am 25. September 1939

Nur den Humor nie verlieren

DANY SIGEL über Erfolge, Erfahrungen, Wünsche und das Quäntchen Glück

Zu Besuch bei der Grande Dame des österreichischen Theaters. In der heimeligen Atmosphäre ihres Wohnzimmers plauderte Schauspielerin Dany Sigel mit CITY!-Redakteurin Hilde Weber über ihr bewegtes Leben und verriet, was sie im Sommer 2021 nach Oberösterreich führt.

CITY!:  Das Jahr 2020 war für alle Kulturschaffenden ein schwieriges. Wie haben Sie es erlebt?

Sigel: Ich hatte schon Ende 2019 begonnen, den Text zu lernen für mein Soloprogramm „Diven sterben einsam“ – die Geschichte einer alten Schauspielerin, die ihr Leben Revue passieren lässt. Im Jänner 2020 begannen wir mit den Proben, Premiere sollte am 14. April sein. Dann kam im März der erste Lockdown, und das war schon furchtbar. Man arbeitet über Monate intensiv auf ein Ziel hin und plötzlich ist alles ungewiss. Im August haben wir wieder zu arbeiten begonnen und – Wunder, oh Wunder – am 9. September 2020 war Premiere, wenn auch in kleinerem Rahmen mit weniger Zuschauern. Ich konnte alle geplanten Vorstellungen spielen, es war ein überwältigender Erfolg und zugleich ein feiner Ausgleich für all das, was ich zuvor erduldet hatte. Ich durfte in meinem Leben viele Erfolge feiern; dieser war aber – auch, wenn es vielleicht der Situation geschuldet war – ein ganz besonderer.

Zu Allerseelen hat dann auch noch der Terror Wien erreicht…

Ich hatte mich mit Sissy Boran, der Direktorin der „Komödie am Kai“, für abends in der Innenstadt verabredet. Im Laufe des Nachmittags fühlte ich mich plötzlich gar nicht gut und habe Sissy abgesagt. Eine göttliche Fügung, denn wir wären mitten im Geschehen gewesen.

Kommen wir zu Erfreulicherem. Im Juni 2021 dürfen wir Sie im Rahmen des Festivals KLANGBADHALL im „Vogelhändler“ auf der Operettenbühne erleben. Wie kam es dazu?

Gerald Pichowetz, den ich seit vielen Jahren sehr schätze, hat mich angesprochen und ich habe mit Freude zugesagt, zumal ich schon lange nichts mehr in dieser Richtung gemacht habe. Ich darf die Rolle der Hofdame Adelaide spielen und freue mich schon sehr darauf. Ich hoffe nun, dass es auch wirklich klappt, denn dieser „Vogelhändler“ ist 2020 ja auch schon dem Corona-Virus zum Opfer gefallen. Wir leben halt gerade in einer Zeit, in der man nichts wirklich planen kann.

Wie gut kennen Sie Oberösterreich, das Städtedreieck Linz/Wels/Steyr?

Nun, Bad Hall kenne ich sehr gut, denn ich war hier im November 2019 drei Wochen zur Kur und habe diese Zeit sehr genossen. Steyr ist eine sehr schöne Stadt, die ich gerne besuche. Im Sommer 2019 habe ich in Meggenhofen Theater gespielt und in der Bruckmühle in Pregarten bin ich auch schon aufgetreten. Insofern bin ich doch schon so einiges in Oberösterreich herumgekommen und entdecke immer wieder Neues und Schönes in Ihrem Bundesland.

Sie sind stolze 81 Jahre jung. Verraten Sie uns Ihr Geheimrezept, so jung zu bleiben?

Zum einen dürfte ich sehr gute Gene von meiner Mutter geerbt haben, sie stammte aus dem Süden Kärntens und die Menschen dort sind bekannt für Ihre Stärke und Widerstandskraft. Zum anderen habe ich Zeit meines Lebens versucht, aus jeder Situation das Beste zu machen. Als Jahrgang 1939 habe ich als Kind den Krieg erlebt, mein Vater war in Gefangenschaft und meine Mutter musste sich und ihre vier Kinder irgendwie durchbringen. Ich erinnere mich an meinen 6. Geburtstag, an dem ich einen großen Apfel geschenkt bekommen habe. Ich habe ihn, weil das einfach bei uns so üblich war, mit meinen Geschwistern geteilt. Und abends gab es Grießkoch, für mich ein Festmahl. Der Apfel und das Grießkoch – für mein Leben war das bestimmend. Ich kann bis heute und hoffentlich noch lange so positiv bleiben, weil ich schon früh erfahren habe, was im Leben etwas wert ist. Ich habe Gutes und Schönes schätzen gelernt und weiß es auch zu genießen; auch das hält mich jung.

Wollten Sie jemals einen anderen Beruf ergreifen?

Als 6jährige wollte ich Pianistin werden und als man mir sagte, dass ich dafür viel üben muss, entgegnete ich „Na, dann halt Schauspielerin“. Wahrscheinlich wurde mir das ein bisschen in die Wiege gelegt. Eine Schwester meines Opas mütterlicherseits war Charakterkomikerin, eine andere Schwester Solotänzerin an der Münchner Staatsoper. Mein Vater war Musiker, er hat das Orchester beim damaligen Zirkus Rebernigg geleitet. Ich war also seitens beider Eltern künstlerisch vorbelastet, sie haben mich gefördert und mich wissen lassen, dass ich alles machen kann, was ich mir wünsche.

Trotzdem haben Sie dann eine Ausbildung zur Kosmetikerin gemacht…

Die Frage, ob ich überhaupt begabt genug bin, hat mich doch beschäftigt und so habe ich mich entschlossen, ein Diplom als Kosmetikerin zu machen. Auch, weil das ein Beruf ist, der ebenfalls mit Veränderung, mit Verkleidung, mit der Möglichkeit, von jemandem ein anderes Bild zu erzeugen, zu tun hat. Ich war schon früh gewohnt, Verantwortung zu übernehmen und ich wollte ein Standbein haben, falls es mit der Schauspielerei nicht klappen sollte. Und für alle Fälle habe ich auch noch eine Ausbildung zum Mannequin gemacht.

Wie war dann eigentlich doch Ihr Weg auf die Bühne?

Im Zuge der Mannequin-Ausbildung wurde ich vom Intendanten einer Tanzkompagnie angesprochen, der noch zwei Tänzerinnen suchte für eine Tournee in Spanien. Der langen Rede kurzer Sinn: Am 1. Mai 1955 bin ich vom Südbahnhof aus mit dem Zug nach Madrid gefahren, mit gerade mal 16 Jahren. Für mich war das aber ganz normal; ich hatte keine Angst und mir war klar: ich trinke nicht und ich lass mich nicht verführen. Ich wollte arbeiten und Geld verdienen, um mir mein Studium am Reinhardt Seminar leisten zu können. Drei Tage nach meiner Ankunft in Madrid habe ich im Ensemble mitgetanzt. Zwei Jahre lang war ich mit der Kompagnie in ganz Spanien unterwegs, bis ich zurückgekommen bin, um am Reinhardt Seminar die Aufnahmsprüfung zu machen – und sie haben mich genommen. Ich war dann in jenem Jahrgang, aus dem viele ganz berühmt geworden sind: Erika Pluhar, Heidelinde Weis, Senta Berger, Marisa Mell, Klaus Wildbolz.

Im Laufe Ihrer langen Karriere spielten Sie an der Seite vieler Schauspiel-Legenden wie z.B. Peter Alexander, Attila Hörbiger, Ewald Balser, Josef Meinrad, Hans Moser, Fritz Eckhardt oder Fritz Muliar. Gibt es Erlebnisse, an die Sie sich besonders gern erinnern?

Ich hatte eine winzige Rolle an der Seite von Hans Moser im Film „Fledermaus“. An einem Freitag gab es mittags in der Kantine Spinat mit Erdäpfelschmarrn und Spiegelei und der Moser meinte: „Die Kleine ist heute mein Gast“. Er, der ja für seine Knausrigkeit verrufen war, hat mich zum Essen eingeladen. Ähnliches ist mir mit Fritz Eckhardt passiert. Er hat mich auf Germknödel mit Mohn und Butter eingeladen, und das obwohl er ähnlich knausrig war wie der Moser. Beides ist mir in liebevoller Erinnerung geblieben – sie haben mir auf ihre Weise gezeigt, dass sie mich akzeptiert und geschätzt haben.

Gibt es etwas, das Sie in Ihrem Leben gerne noch machen würden?

Ich reise wahnsinnig gerne, interessiere mich sehr für andere Kulturen, lerne gerne neue Menschen kennen. Auch wenn wir uns heute im Fernsehen die schönsten Dokumentationen ansehen können, ist es doch etwas anderes, ein Land persönlich zu erkunden. Insofern hoffe ich, dass uns die Welt doch bald wieder offensteht. Ich würde nämlich gerne einmal nach Patagonien reisen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Gesund zu bleiben und den Humor nicht zu verlieren. Je älter ich werde, desto wichtiger wird mir gerade der Humor. Ich freue mich, wieder das helle, fröhliche Kind zu werden, das ich einmal war.

Was macht Sie glücklich?

Die Verbundenheit mit der Natur, mein Garten mit seinen Bäumen, Blumen, Kräutern und Pflanzen. Mein ganzes Leben – auch das am Theater – ist für mich verwoben in und mit der Natur. Hier bin ich Mensch mit allem Drum und Dran.

PERSONALAKTE

Dany Sigel
Geboren: 25.9.1939
Sternzeichen: Waage
Ausbldung: Schauspielstudium am Reinhardt Seminar, Engagements in Hamburg, Basel, Zürich und Helsinki. Unzählige Gastrollen in TV-Serien wie „Familie Merian“, „Die liebe Familie“, „Ein Schloss am Wörthersee“.
Privates: Sie hat 2 Söhne aus ihrer Ehe mit Schauspieler C.W. Fernbach (verstorben 1967), 1 Enkel, 3 Urenkel. Dany Sigel lebt in Wien.
Infos: www.dany-sigel.at

Fotos: © ORF/Johannes Cizek, Petro Domenigg, Weber

2021-03-28T20:36:27+02:00