• Claudia Tüchler.

Die Lehre bietet TOP-CHANCEN

Die selbstständige „Potentialerin“ Claudia Tüchler aus Linz über ihr Handwerk.

Mein Gespräch mit Claudia Tüchler findet zum richtigen Zeitpunkt statt, denn ungefähr in vier Wochen geht die Schulzeit zu Ende und die Ferien beginnen. Es gibt viele junge Menschen, die überlegen, wie es nach den Ferien weitergehen soll. Beginnt man eine weiterführende Schule, eine Lehre, ein Studium?

Tüchler hat Wirtschaftsingenieurwesen und technische Chemie studiert und beschäftigt sich angesichts des Fachkräftemangels mit dem Image von Lehrlingen.  
Wie ist es um dieses Image momentan bestellt?
Da gibt es trotz des Fachkräftemangels nach wie vor sehr viel Luft nach oben, wobei diese Thematik mehrere Ursachen berührt. Natürlich, die Statistik bzw. die Demografie zeigt uns, dass das insbesondere ein Generationenthema ist. Fakt ist, dass die Lehrabschlussprüfungen zurückgegangen sind und von den rund 200 Lehrberufen in Österreich die Bandbreite auf eine kleine Anzahl von Berufsbildern reduziert ist. Hier sollte man ansetzen und die Möglichkeiten für die Jugendlichen noch stärker herausarbeiten und sichtbarer machen.
Hat sich da zuletzt etwas geändert?
Wenn es um die zwei Jahre der Pandemie geht, dann sieht man, dass die Tendenz nach den Einschränkungen in die Richtung geht, dass wieder der persönliche Kontakt und das persönliche Kennenlernen gefragt sind. Das ist gut und hier sollte noch weiter ein Umdenken stattfinden, um noch mehr Schnuppermöglichkeiten zu schaffen. Auch die Wirtschaftskammer ist diesbezüglich sehr aktiv und unterstützt ihre Betriebe mit Aktivitäten, bei denen sie sich den Jugendlichen vorstellen können.
Kommen solche Initiativen in der Öffentlichkeit an oder nicht?
Ja, es wird viel Werbung gemacht und es gibt auch eine gewisse Resonanz, wobei es auch hier noch Luft nach oben gibt. Irgendwann wird es aber normal sein, dass Bewerbungsprozesse niedrigschwelliger und zugänglicher sind und Unternehmen generell neue Wege gehen, um neue Mitarbeiter zu finden und diese auch zu behalten. Denn das nächste Thema sind auch die vielen Lehrabbrüche.
Wie sieht es diesbezüglich bei uns aus?
Das ist eine sehr komplexe Geschichte, die auch in den einzelnen Branchen unterschiedlich ist. Hier kann man schwer verallgemeinern. Es gibt aber auch bei diesem Problem schon etliche Initiativen.
Du warst früher ja in einem Weltkonzern im Chemiepark in Linz tätig. Wie ist das neue Dasein in der Selbstständigkeit?
Viele sagen immer „selbst und ständig“, was schon etwas Wahres an sich hat. Mir geht es darum, das Wissen und die Erfahrung zu bündeln und mich mit kompetenten Experten auszutauschen. Ich arbeite nun als Trainerin bzw. als Potentialerin für Unternehmen und bin zudem noch eine Mama, wobei ich diese Tätigkeiten gut miteinander vereinbaren kann.
Was können wir uns unter einer „Potentialerin“ vorstellen?
Die Arbeit mit den Potentialen von Menschen ist ein zentraler Ansatz im Personalwesen. Ich begleite Menschen und Unternehmen dabei, Potentiale zu erkennen und zu nutzen.
Wie gehst du dabei vor?
Ich versuche in knackigen Formaten etwas Gutes entstehen zu lassen und Denkanstöße zu geben. Man muss nicht immer alles neu erfinden, denn es gibt auch vorzeigbare Best Practice Beispiele. Das Problem besteht aber oft darin, dass kleinere Unternehmen weniger Ressourcen für diese Aktivitäten haben. Große Unternehmen hingegen verfügen über entsprechende Budgets und auch über Mitarbeiter, die sich nur mit diesem Thema befassen. Es ist aber auch für kleinere und mittlere Unternehmen möglich, sich mit dem, was sie haben, gut zu präsentieren, junge Menschen anzusprechen und eine attraktive Arbeitgebermarke zu entwickeln.  
Wo kann man bei den jungen Menschen ansetzen, um das Image einer Lehre zu verbessern?
Wir wissen, dass sich die jungen Menschen sehr viele Gedanken um ihre Zukunft machen. Auch die Eltern haben hier noch einen großen Einfluss, jedoch sehen sie dieses Thema noch mit ihren alten Mustern. Hier gehört vermittelt, dass man auch mit einer Lehre tolle Sachen machen und sich eine Perspektive für das Leben verschaffen kann. Die Fachkräfte gehen uns aus und die gesteigerte Nachfrage führt letztlich dazu, dass man mit der Lehre künftig noch mehr Wertschätzung erfahren wird.
Was ist aktuell gefragt, um diese Botschaft zu vermitteln?
Um sehr schnell ins Handeln zu kommen, geht es vor allem darum, dass auch wieder das persönliche Kennenlernen stattfindet. Der Trend geht in Richtung Sichtbarkeit und persönliches Erleben. Natürlich ist Social Media mit Facebook, Instagram, Xing und Linkedin ein großes Thema, aber die Jugendlichen und die Eltern suchen auch den direkten Kontakt und wollen beispielsweise wissen, wie es den Mitarbeitern bei einem potentiellen Arbeitgeber geht. Bei solchen Fragen ist oft eben eine externe Sichtweise gefragt, um Ideen für die Umsetzung solcher Maßnahmen zu erhalten.
Wie sollen die Unternehmen generell mit den Jugendlichen umgehen?
Im Fokus steht, dass Gelegenheiten geschaffen werden, bei denen sich potentielle Lehrlinge und Unternehmen gegenseitig kennenlernen können. Es geht quasi um das perfekte Match. Auch das klassische Bewerbungsgespräch wird sich wohl verändern. Die Jugendlichen müssen direkt vor Ort spüren, wie sich das Arbeitsleben anfühlt und ob sie dort am richtigen Platz sind.
Wie sollte sich ein potentieller Lehrling auf Arbeitssuche verhalten?
Ich würde mich fragen, was will ich und was sind meine Vorstellungen. Und darüber hinaus würde ich mich genau informieren, ob es jenseits der gängigen Berufsbilder nicht auch solche gibt, die noch besser zu meinen Vorstellungen und Werten passen.
Welche Möglichkeiten gibt es derzeit, um sich diesbezüglich zu informieren?
Es wird sehr viel gemacht. Die WKO bietet beispielsweise Beratungen mit Potentialanalysen. Dann gibt es natürlich die Bildungsmessen, wo man sich direkt mit den Arbeitgebern austauschen und informieren kann. Darüber hinaus liegen auch Infobroschüren auf, die einen schönen Überblick über die vielfältigen Berufsangebote ermöglicht.
Woran liegt es letztlich, dass es so wenige Fachkräfte gibt?
Zum Teil ist das schon ein hausgemachtes Problem. Viele Branchen haben es übersehen, Mitarbeiter auch persönlich auszubilden. Dabei sollte nicht bloß die Ausbildung für den Beruf im Zentrum stehen, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen. Denn wenn sie das nicht beim Arbeitgeber bekommen, dann holen sie sich diese Inputs woanders und verlassen eventuell das Unternehmen.

 

Claudia Tüchler
Geboren: 23.12.1983
Sternzeichen: Steinbock
im WordRap

Ein guter Tag … ist heute
Meinen Job … liebe ich
Einen Traumjob … gestaltet man sich auch selbst
Ein guter Mitarbeiter … wird wertgeschätzt
Ein guter Arbeitgeber … zeigt Wertschätzung
Geld ist … eine schöne Nebensache
Work life balance … wird häufig überbewertet
Meine Familie … ist mir heilig
Auszeit bedeutet für mich … Zeit mit meiner Tochter zu verbringen
Mein Traum ist … meine Visionen umzusetzen
An der Hotelrezeption gebe ich folgenden Beruf an … Potentialerin
Twinni orange oder gün … grün
Lebensmotto… Sei du die Veränderung, die du dir wünscht
Erfahrungen … wichtig aber nicht alles
Wenn ich Österreich einen Tag lang alleine regieren könnte … würde ich die Regierung umstellen
Was ich gar nicht mag … fehlender Respekt und Unehrlichkeit
Meine Stärken … ausdauernd und hartnäckig
Meine Schwächen … Perfektionismus
Meine letzten Worte sollen sein… ich bin offen durch die Welt gegangen und konnte die schönen Chancen und Möglichkeiten wahrnehmen

Fotos: © T. Duschlbauer

2022-05-30T22:21:26+02:00