• GROSSE TÖNE. Hermann Miesbauer (59) ist Komponist, Kulturmanager und professioneller Musiker (Posaunist). Er studierte neben Jazzmusik an der Anton Bruckner Universität auch Klassik.

Hermann DER VERSUCHER 

Ein Musiker aus Oberösterreich zwischen Kunst, Chemie & Lebensweisheiten

Hermann Miesbauer sieht nicht wie ein „richtiger“ Künstler aus. Zumindest nicht dann, wenn man etwaige „Klischees“ bedienen möchte: keine sündteuren Designerschuhe, keine bunte Sonnenbrille, kein aufwendig bestickter „Künstlerschal“, der locker und keck um den Hals geworfen wird; keine Ich-muss um-jeden-Preis-auffallen-Attitude. Ganz im Gegenteil: Miesbauer ist der nette Nachbar von nebenan, der belesene Musiklehrer, der höflich grüßende Gast im Linzer Café Traxlmayr.

Dass dieser Mann Backstage schon Stars wie Alicia Keys oder Justin Timberlake getroffen, auf großen wie kleinen, internationalen und nationalen Bühnen gestanden, gespielt und musiziert hat, mag man auf den ersten Blick nicht annehmen. Auch nicht, dass Miesbauer archäologische Elementspurenanalysen an Knochenproben der Gletschermumie „Ötzi“ durchgeführt hat. Neugierig geworden? CITY!- Redakteurin Sandra Meinschad auch. Also: Wer genau ist Hermann Miesbauer?
Bunt – mutig – klug. Diese drei Worte gibt der 59-jährige zur Antwort, fragt man ihn, wie er sich selbst kurz und knapp beschreiben würde. Und es trifft durchaus zu: Klug ist der vor Energie und Wissen sprudelnde Oberösterreicher, der auf seiner Website (hermann-miesbauer.at) die Kategorien „Musik“, „Komposition“ und „Chemie“ miteinander vereint; und nach einem Gespräch mit ihm geht man selbst ein Stückchen intelligenter (und auch inspirierter) in den Tag hinein. Mut zeichnet Miesbauer, der Klassik- und Jazzmusik studierte, ebenfalls aus: „Bevor ich Nein sage, sage ich am allerliebsten Ja.“ Was aber gleichzeitig nicht bedeutet, dass er ein „notorischer Ja-Sager“ wäre, betont er: „Ich bin einfach ein Versucher.“ Viele Erfahrungen sammeln und stetig daran wachsen – das ist seine Devise: „Nur so gelingt es, hinter den Horizont zu blicken.“
„Spontanchen“. Unter diesem Ordner in seinem Handy finden sich diverse Gedichte, Texte und Ideen zu Projekten. Er schreibt über Sinnhaftigkeit, das Leben und darüber hinaus, über Leidenschaft und Liebe. Erfahrungsberichte? „Über mein Privatleben spreche ich öffentlich nicht gerne“, sagt Miesbauer, „das heißt aber nicht, dass keines existiert.“
Der Musiker. „Meine Musik lässt sich am einfachsten auf eine nicht musikalische Weise beschreiben“, meint der ausgebildete Kulturmanager und Komponist, „Es sind Geschichten! Kleine Geschichten, große Geschichten, lange Geschichten, kurze Geschichten, wilde, launische, ironische, lustige, dramatische oder traurige… aber immer Geschichten.“ Wer in der Klassik und im Jazz versiert ist so wie er – der im Übrigen auch Posaune spielt – weiß, die beiden Musikrichtungen voneinander zu unterscheiden und ebenso gekonnt zu vereinen: „Klassik ist deterministisch, es gibt klare Strukturen, klare Vorgaben. Jazz zeichnet sich durch Einfachheit aus; der Künstler hat hier kreative Freiheit.“ Privat hört er prinzipiell „alles“ gerne: „Musik muss mich in erster Linie berühren, bewegen; sei es durch aussagekräftige Texte oder mitreißende Melodien. Das gilt für barocke Opern genauso wie für Popularmusik oder Salsa.“ Was er allerdings nicht nachvollziehen kann sind rechtsradikaler Hardrock und frauenfeindlicher Hip-Hop: „Das hat für mich herzlich wenig mit künstlerischem Ausdruck zu tun.“ Er selbst beschreibt das Gefühl, auf der Bühne zu stehen (u.a. mit seiner RAT Big Band) folgendermaßen: „Es bedeutet für mich das Publikum zu spüren, zu bemerken, ob die Töne sitzen, ob sie berühren oder sich einfach nur verlieren. Ich bemühe mich, dass ein Konzert ein Erlebnis ist, das lange in Erinnerung bleibt. Die Posaune kann beispielsweise ein Erzähler sein oder eine Urgewalt, die Mauern niederreißt.“ Eines, so  der Vollblutmusiker weiter, möchte er jedenfalls immer erreichen: „Die Musik soll noch lange in den Menschen nachklingen.“
Wer NICHT sucht… „Als kleiner Arbeiterbub hätt ich mir nie erträumen lassen, dass ich im Erwachsenenalter beispielsweise mal nach Brasilien komme und meine eigens komponierte Musik von einer 120 m breiten Bühne kommen höre, und sich das Kind in mir die ganze Zeit denkt: ‚Ich war das, ich war das!‘ Sowas setzt man sich nicht als Ziel, das kann man ja gar nicht.“ Er sei ein Findender, kein Suchender, denn: „Die, die krampfhaft suchen, übersehen dabei die vielen Diamanten, die am Wegesrand liegen.“ Das „Suchen“ alleine erfordere unglaublich viel (unnötige) Anstrengung und Energie: „Etwas, das einen ständig ablenkt, weil man glaubt, alles bewerten zu müssen.“
Der Chemiker. Im Rahmen seines Jobs als Wissenschaftler veröffentlichte Miesbauer Arbeiten in internationalen Wissenschaftsmagazinen. Der Schwerpunkt lag dabei auf Elementaranalysen auf dem Gebiet der Umweltanalytik. Öffentlichkeitsarbeit und diverse Tätigkeiten im Bereich Umwelt- und Bodenschutz; das ist nunmehr sein Spezialgebiet als Chemiker im Dienst der OÖ Landesregierung. „Naturwissenschaft bedeutet die Natur zu verstehen, denn nur was man versteht, kann man auch richtig schützen.“ Wie bereits erwähnt, war er auch bei der Analyse der Gletschermumie „Ötzi“ dabei: „Ich durfte für meine Untersuchung 6 mg von einem der kostbarsten archäologischen Funde der Menschheit in Salpetersäure auflösen. Wer kann das schon von sich behaupten!“
Alles in einem. Hermann, der mir von sich aus das „Du“ anbietet, erklärt, dass Musik und Chemie etwas Essentielles gemeinsam haben: „Das Wesen, der Grundsatz, ist die Kreativität. Sowohl in der Musik als auch in der Wissenschaft.“ Auch ein gewisses Maß an Struktur liegt beiden Welten – der Musik und der Chemie – zugrunde. Der maßgebliche Unterschied, so der multitalentierte Künstler weiter: „In der Wissenschaft gibt es tendenziell eher ‚falsch‘ und ‚richtig‘. Nicht aber in der Kunst.“ Eine Balance, die ihn in seinen vielseitigen Tätigkeiten de facto „ausmacht“: „Ich bin ja nicht nur das eine oder das andere. Ich bin beides, und ich liebe beides. Deshalb würde ich mich auch nie zwischen Musik und Chemie entscheiden. Und muss es zum Glück auch nicht.“
Das Ende? Kreative Menschen haben ja, so wird häufig angenommen, eine „sensiblere“ Ader als manch andere, nehmen „mehr“ wahr – im Außen wie im Innen.  Daher will ich zum krönenden Abschluss unseres Interviews noch wissen: Glaubt ein hochmusikalischer, kreativer Künstler und wissenschaftlich renommierter Chemie-Experte eigentlich an etwas „Übernatürliches“? Hermann lacht herzlich. „Nein.“ Er nimmt einen Schluck von seinem Sommerspritzer, blickt in den wolkenfreien Himmel hinauf und überlegt kurz. Dann fügt er hinzu: „Aber es ist nett, damit zu spielen. Sich nicht immer festzulegen. Über den Horizont hinauszudenken. Das ist ein immerwährendes Spiel mit dem eigenen Geist. Und es ist schön.“

GEDICHT von Hermann Miesbauer

Unser Leben
Was wir sind am Anfang unserer Tage, ist uns gegeben.
Doch was wir tun auf unsrem Weg ist das,
was bleibt von unsrem Leben.
Den Mut, den wir im Sturm gezeigt,
die Wärme, die wir teilten mit denen, die da frierten.
Dazu zu stehen, was unser Geist erdacht,
das Wort der Einsicht, das wir schenkten, wenn wir irrten.
Was uns am Anfang ist gegeben, es soll zu etwas werden,
das wir mit Stolz dann nennen „unser Leben“!

Fotos: © privat, Foto Winkler

2021-08-28T21:33:15+02:00