Mit Laib und viel Seele.

Die Erste Linzer Arbeiterbäckerei als „Brotagonist“ sozialen Wandels.

Um 1890 erlebte die Ausbeutung und Rechtlosigkeit der Arbeiter ihre Hochblüte. Besonders schlimm waren die Bäckerarbeiter betroffen. Geregelte Arbeitszeit gab es nicht und häufig kam es vor, dass Bäcker vor Übermüdung beim Trog einschliefen oder zusammenbrachen. Am besten kommt das Leben der Bäcker darin zum Ausdruck, dass sie sogar von den Frauen zum Heiraten gemieden wurden, weil Bäcker beinahe nie zu Hause waren.

Arbeiter werden „Eigenbrötler“. Diesem Umstand wollten einige Linzer Bäckergehilfen entgegenwirken. Ihre Vision war eine eigene Bäckerei mit menschenwürdigen Arbeitsbedingungen. Am 19. Oktober 1900 war es so weit: Die sieben Bäckerarbeiter gründeten die „Erste Linzer Arbeiterbäckerei”. Im Keller des damaligen Gasthauses Hoffmann in der Drouotgasse 1 nahm ihre Bäckerei bereits Ende November 1900 den Betrieb auf. In drei Schichten mit je acht Stunden wurde gearbeitet, und das zu besseren Löhnen als bei den Bäckermeistern. Um sich dieser Arbeiterbewegung entgegenzusetzen, organisierten die Linzer Bäckermeister einen Boykott jener Mühlenbesitzer, die der Arbeiterbäckerei Mehl lieferten. Trotz dieser Schwierigkeit fand die tapfere „Teigschmiede“ mit dem loyalen Müller Alois Hartwagner der Klammühle in Engerwitzdorf einen Mehllieferanten. Durch die solidarische Unterstützung der Linzer Arbeiterschaft war bald der Absatz gesichert. Die Arbeiter sahen mit Stolz auf die Kollegen in der Bäckerbranche, die sich mutig zu helfen wussten und kauften nur mehr das „Arbeiterbrot“. Bald war die Bäckerei zu klein. Im Sommer 1904 wurde das neue Haus mit bereits 14 Mitgliedern in der Novaragasse 4 bezogen. Später wurde der Betrieb der sozialdemokratischen Arbeiterpartei übertragen. Diese gründete daraus die Linzer Arbeiter-Brotwerke, Plöckinger, Gruber & Co. Die neuen Gesellschafter waren der sozialdemokratische Gemeinderat Josef Plöckinger; er war einst Mitgründer der Arbeiterbäckerei, Gemeinderat Josef Gruber (späterer Bürgermeister von Linz) und der Gewerkschafter Hans Ottensteiner. 1913 wurde ein modernerer Betrieb in der Unionstraße 31-33 errichtet. Dieser grenzte an die alte Bäckerei in der Novaragasse. Bereits im ersten Jahr konnten täglich 3.000 Brotlaibe produziert werden, und bald war die Höchstauslastung mit 10.000 Stück erreicht. Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde die Arbeiterbäckerei vom Militär verwaltet. Die neu Eingerückten mussten mit Brot versorgt werden. Im Laufe der Kriegsjahre erhielt die Arbeiterbäckerei den Auftrag, die Stadt mit Nahrungsmitteln zu versorgen. 1917 wurde dem Unternehmen die Linzer Wurst- und Selchwarenfabrik Alois Biberhofer eingegliedert, ebenso die Columbus Teigwaren- Makkaroni und Nahrungsmittelfabrik. Zur gleichen Zeit wurde auch die Aumühle in Ufer (Gemeinde Ebelsberg) erworben, wo die Gunog (Geflügel-Nutztierhof, Obst- und Gemüsegut) gegründet wurde.
Gründung der Spaten-Brotwerke. Um den neuen Anforderungen an Backwaren gerecht zu werden, entstand im Dezember 1920 etwas außerhalb der Stadt im Linzer „Militärbezirk“ der Plan für die Linzer Spaten-Brotwerke. In der Semmelweisstraße wurde eine moderne Fabrik aufgebaut. Im Juli 1922 konnten die Linzer Spaten-Brotwerke, deren Eigentümer die Linzer Arbeiter-Brotwerke, der Konsumverband Linz sowie die Stadt Linz waren, voll in Betrieb gehen. Da der Herstellungsprozess fast durchwegs automatisiert erfolgte, war es bald möglich, einen täglichen Ausstoß von 30.000 Laib Brot und 300.000 Stück Weißgebäck mit nur rund 100 Mitarbeitern zu erzielen. Seit 1923 gehörten die Spaten-Brotwerke zur Großeinkaufsgemeinschaft der Konsumvereine, der Vorgängerin des 1978 gegründeten Konsum.
Die große Krise. Der große Erfolg hielt jedoch nicht lange an: Beim Rechnungsabschluss im Sommer 1926 wurde ein Verlust von rund 2,8 Mio. Kronen verzeichnet. Im Februar 1934 machten die Spaten-Brotwerke wiederum Schlagzeilen, denn die Fabrik wurde von Schutzbündlern besetzt und diese beschossen von dort die Pionierkaserne. Nach dem Anschluss im Jahre 1938 wurde von den Nationalsozialisten ein kommissarischer Verwalter bestellt. Im September 1938 übernahm die Wehrmacht mit einem diktierten Kaufpreis von 600.000 RM die Fabrik. In Folge wurden von hier die Konzentrationslager Mauthausen und Gusen mit Brot versorgt.Ebenso wurde Brot für den Afrika-Feldzug gebacken. Mit Kriegsende wurden auch die Spaten-Brotwerke schwer von Bomben getroffen. Zuvor wurden schon zahlreiche Maschinen abmontiert. Mit dem Eintreffen der US-Amerikaner war die Fabrik herrenlos. Es erfolgte die Rückstellung und Ernährungsoffizier Major Jackson beauftragte den ehemaligen Abteilungsleiter Franz Imperial mit dem Wiederaufbau. Er war auch Gründungsmitglied des Arbeiter-Turnvereines Linz im Frühjahr 1904. Mit wenigen Mitarbeitern konnte in der verkleinerten Fabrik Anfang 1946 wieder Brot gebacken werden. 10 Jahre später zählte die Fabrik die Höchstmitarbeiterzahl von 253. In der Stunde wurden 3 Tonnen Brot und 30.000 Stück Gebäck erzeugt. Mitte der 1970er Jahre schlitterte die Backwarenfabrik wegen schlechter Konkurrenzfähigkeit in eine schwere Krise. Unter Geschäftsführer Heinz Heiser wurde das Werk modernisiert, doch durch die Automatisierung mussten zahlreiche Arbeiter gekündigt werden. So waren für die tägliche Produktion von 80.000 Semmeln nur noch drei Leute nötig. Ende der 1980er-Jahre waren im Werk lediglich 110 Mitarbeiter beschäftigt. 2006 wurden die sowohl technik- und industriegeschichtlich als auch baukulturell bedeutenden Produktionsstätten der Spaten-Brotwerke – geplant vom berühmten Otto Wagner-Schüler Hubert Geßner – zugunsten einer Wohnbebauung geschliffen.

Fotos: © Lentia Verlag

2020-09-29T19:44:54+02:00