• VERLO(C)KEND. Vor der Weltwirtschaftskrise arbeiteten bis zu 900 Mitarbeiter an der Fertigung der Dampflokomotiven.

MIT VOLLDAMPF Voraus

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Eisenbahn DAS Verkehrsmittel.

In dieser Hochblüte des Eisenbahnverkehrs gründete der Deutsche Georg Krauß (1826-1906) in Augsburg die Lokfabrik Krauß & Comp. Die Geschäfte liefen sehr gut und so führte ihn seine Expansion schließlich im Jahr 1880 auch zu uns nach Linz.

Der Eisenbahnpionier Georg Krauß gründete die Linzer Zweigniederlassung in erster Linie deshalb, um die Einfuhrzölle nach Österreich zu vermeiden. Zur Stärkung der deutschen Wirtschaft setzte nämlich der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck ab 1878 auf die sogenannte Schutzzollpolitik. Die Entscheidung des Gründers, die ursprünglich rein strategisch war, stellte sich schnell als sehr gewinnbringend heraus. Die „Linzer Kraußfabrik“ nahm 1881 im Markartviertel die Produktion auf. Das Gebiet, in dem Jahre später die Herz-Jesu-Kirche (1903) entstand, war damals noch kaum bebaut. So war es möglich, das Betriebsgebäude an die neu eröffnete Kremstalbahn anzuschließen, die Krauß & Comp. baute und bis 1892 betrieb. 
Spezialist. Anfangs war die Fabrik auf die Erzeugung von Loks für kleine private Lokalbahnen ausgerichtet. Man machte sich einen Namen als Spezialist für wendige Schmalspurbahnen. So wurden beispielsweise Lokomotiven für die Steyrtalbahn oder die Mariazellerbahn direkt in Linz gebaut. Ein großer Coup gelang, als ein Vertrag mit den Bosnisch-Herzegowinischen Staatsbahnen zustande kam, für welche die Linzer 118 Loks herstellten. Die Auftragslage war gut. Lag die Anzahl an Mitarbeitern vor der Jahrhundertwende noch bei 250, stieg sie bis 1914 auf 340 an. Grund genug, um eigene Arbeiterwohnhäuser zu errichten oder einen Konsumverein zu gründen, der für den günstigen Lebensmitteleinkauf der Beschäftigten sorgte. Zu jener Zeit entstand auch der Männergesangsverein „Lokomotivfabrik“, bestehend aus Arbeitern der Linzer Fertigung. Zudem gab es die werkseigene „Krauß´sche Feuerwehr“.
Anfang vom Ende. Der 1. Weltkrieg brachte leider auch große Veränderungen mit sich. Finanziell schwer angeschlagen, wurde die Kraußfabrik 1918 an die Österreichische Eisenbahn-Verkehrs-Anstalt verkauft. Zwischenzeitich fand das Unternehmen tatsächlich zu alter Stärke zurück und zählte sogar bis zu 900 Beschäftigte. Doch dann leitete die Weltwirtschaftskrise 1929 den Anfang vom Ende ein. Der einstige Vorzeigebetrieb zählte 1930 lediglich 158 Mitarbeiter. Auch infolge des wirtschaftlichen Wandels wurde die Fabrik noch im selben Jahr stillgelegt. Mit der Lokomotive Nummer 5 GERLOS der Zillertalbahn verließ die letzte in Linz gebaute Maschine das Gelände. 
Wenig übrig vom alten Glanz. Das Betriebsgelände selbst erwarb in weiterer Folge die Stadt Linz. Im Verwaltungsgebäude zog 1932 vorerst eine Fortbildungsschule ein, ab 1938 diente der Bau als provisorisches Direktionsgebäude der Hermann Göring-Werke. Das Markartviertel, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Industrieviertel der OÖ Landeshauptstadt entwickelt hatte, wurde während des 2. Weltkriegs stark bombardiert. Auch das Areal der ehemaligen Kraußfabrik wurde Ziel alliierter Angriffe und am 15. Dezember 1944 schwer getroffen. Der Aufbau nach Kriegsende war mühevoll. Die EBG (Elektro Bau Aktiengesellschaft), die sich dem Bau elektrischer Anlagen widmete und 2005 vom Weltkonzern Siemens übernommen wurde, baute am ehemaligen Standort der Lokomotivfabrik groß aus. Heute erinnert an das einstige Vorzeigeunternehmen Krauß & Comp. lediglich die dort befindliche Kraußstraße. An der Stelle des einstigen Direktionsgebäude ist heute die Berufsschule 3 untergebracht.

Fotos: © Lentia Verlag

2022-10-03T20:31:57+02:00