Anfang der Motorisierung.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geriet die Landeshauptstadt zunehmend in Fahrt.

Ab 1897 verkehrte die „Elektrische Straßenbahn“ in Linz, gleichzeitig kamen die ersten Automobile auf. Vereinzelt gab es schon „Benzinabgabestellen“ in der Stadt, Vorläufer der heutigen Tankstellen. Da viele glaubten, das Gesetz des Stärkeren würde alles regeln, wurden moderne Verkehrsregeln und Verkehrsunterricht immer notwendiger. 1901 entstanden die ersten Fahrschulen, auch war die Zulassung von Motorfahrzeugen an eine Bewilligung einer Sachverständigenkommission gebunden.

Die Linzer begannen sich langsam an den Automobilverkehr zu gewöhnen, der anfangs mehr noch ein Sport war. Zumindest konnte man bei der Zwei-Etappenfahrt Salzburg–Linz–Wien im Jahr 1900 schon ein wenig in die Zukunft blicken und sich ausmalen, wie es bald auch auf den Straßen zugehen würde. Autounfälle mit Personenschaden standen zwar nicht an der Tagesordnung – umso ausführlicher wurde in den Zeitungen darüber berichtet; dennoch musste die Behörde auf das steigende Gefahrenpotenzial reagieren: 1906 wies ein Regierungserlass die Schuldirektoren an, die Schüler von Zeit zu Zeit auf die Gefahren aufmerksam zu machen. 
Der Verkehr wird mehr. Hatten zunächst nur Adelige oder hohe Staatsbeamte Automobile gelenkt, so betraf die Motorisierung bald auch bürgerliche Schichten, wenngleich Automobile ein außerordentliches Luxusgut waren. 1904 saß auch der k.k. Statthalter von OÖ. (heute würde man „Landeshauptmann“ sagen) in einem Dienstauto. Dieses wurde „Gelbe Gefahr“ genannt, weil es erstens gelb lackiert war und zweitens ohne Vorwarnung überall auftauchen konnte. Im selben Jahr wurde auch der OÖ. Automobil-Club gegründet, nach der Steiermark der zweite Automobil-Landesverband in Österreich.
Öffentliche Dienste. 1907 begann bei der Linzer Post die amtliche Motorisierung: drei Motorräder wurden zur Leerung der Postkästen in Dienst gestellt. Im Dezember desselben Jahres fuhren schließlich die ersten Autobusse, nachdem die Pferdepostlinie Linz–Eferding im Frühjahr 1907 eingestellt worden war. Es musste dabei eine „Verzehrungssteuer“, die beim Überschreiten der Stadtgrenze anfiel, entrichtet werden. Es war übrigens die erste Autobuslinie im heutigen Österreich, die Linzer waren hier fortschrittlich. 1912 folgten die Linien Linz–Gallneukirchen und Linz–Freistadt.
Die Anfänge der Verkehrslawine. Daneben stieg das Aufkommen im privaten Autoverkehr, was in der Öffentlichkeit bald als eine Art Bedrohung diskutiert wurde. Viele Linzer Zeitungen erhielten besorgte Leserzuschriften, wie beispielsweise diese vom 20. Mai 1913: „Der Automobilverkehr hat in Linz gerade in letzter Zeit sehr stark zugenommen. Es wird nicht allein die Zahl der durchfahrenden Automobile immer größer, es haben in Linz in letzter Zeit auch Kreise, die sich den Kraftwagen gegenüber ablehnend verhielten, sich zur Anschaffung von Automobilen entschlossen und die Anzahl der Automobilbesitzer unserer Stadt dürfte im letzten Jahre eine relativ große Vermehrung erfahren haben. Es fehlt aber noch immer eine geeignete Vorschrift für einen geregelten Verkehr, was sich besonders an Tagen zeigt, wo, wie gestern, eine große Anzahl fremder Automobile in Linz verkehren. Unsere Sicherheitswache ist mit den Anforderungen, die der moderne Automobilverkehr an die Straßenpolizei stellt, noch nicht recht vertraut.“
Der Ruf nach Regeln. Dabei wurde der Sicherheitswache gar kein Vorwurf gemacht, stammte doch die Straßenpolizei-Ordnung noch aus dem Jahr 1889, wo ein Automobilverkehr noch nicht einmal vorstellbar war. Bemängelt wurde allerdings, dass es in der ganzen Stadt nur drei Straßenposten gibt: bei der Donaubrücke, auf dem Taubenmarkt und an der Kreuzung bei der Bürgerstraße. Gefordert sei allerdings auch das „Publikum“, das sich dem modernen Automobilverkehr ebenso anpassen müsse wie seinerzeit dem aufkommenden Fahrradverkehr. Es solle vielmehr im Automobil „nicht immer nur den Sport oder sogar Übermut sehen, sondern das moderne Verkehrsmittel. Allerdings ist es auch Sache des Automobilfahrers, hierzu beizutragen.“ Damit war ein gemäßigtes Tempo gemeint, das nicht wenige Automobilisten in Linz offenbar vermissen ließen. Und es fehlte noch, was in Großstädten schon selbstverständlich war: das Zeichen mit der Hand, womit der Fahrer dem Wachmann oder den Fußgängern signalisierte, in welche Richtung er fahren wollte.
Paris–Wien 1902 durch Ebelsberg. Es war das erste internationale Automobilrennen überhaupt, die Wettfahrt von Paris nach Wien, die im Jahr 1902 auch durch Linz führte. Insgesamt 207 Fahrzeuge waren am 26. Juni in Paris gestartet. Am 28. passierten sie um 9 Uhr früh die Kontrollstation Ebelsberg, in einer beträchtlichen Staubwolke und „mit rasender Geschwindigkeit“, wie man im Linzer Tagblatt lesen konnte. Rasende Geschwindigkeit bedeutete: 60 km pro Stunde, für damalige Verhältnisse nicht ungefährlich, weswegen alle Ortschaften, durch die das Rennen ging, zu „neutralen Zonen“ erklärt wurden und ein Aufgebot von 70 Mann der Ebelsberger Feuerwehr die Straße bis nach Pichling sicherte. Tausende Schaulustige waren zu dem Großereignis gekommen; zu Fuß, denn Straßenbahn gab es damals noch keine nach Ebelsberg. Radfahrer des Linzer Radfahrvereins „Die Wanderer“ begleiteten die Kolonne, hatten aber Mühe, das Tempo zu halten. Ein Radfahrer hielt sich mit der linken Hand an einem Automobil fest und kam zu Sturz, dabei ging das Rad zu Bruch. Die Sicherheitsvorschriften waren noch vage, sie besagten lediglich, dass die Fahrgeschwindigkeit in geschlossenen Ortschaften nicht größer sein durfte „als die eines Pferdes in frischem Trabe“. Das Rennen endete am frühen Nachmittag in Wien: Nach mehr als 1.400 km und über 26 Stunden fuhr der Franzose Marcel Renault – der natürlich auch in einem Renault-Wagen saß – über die Ziellinie. Von den 207 gestarteten Fahrzeugen sahen 147 das Ziel. Abgesehen von einigen Leichtverletzten war niemand zu Schaden gekommen.
Automobile Leistungsschau. Ein Jahr später, beim Rennen von Paris nach Madrid, war die Bilanz jedoch eine traurige: Bei einem einzigen Unfall waren acht Tote zu beklagen, darunter der Sieger von 1902 und einige Zuschauer. Von da an waren Stadt-zu-Stadt-Rennen verboten – bis im Jahr 1906 neuerlich eine von Frankfurt aus gestartete Konkurrenz („Herkomer“) durch Linz ging: über die Landstraße, Schillerstraße, beim Südbahnhof vorbei. Dort, in der Südbahnhofhalle, wurden die Wagen über Nacht abgestellt und die Linzer konnten die modernsten Automobile, die es damals in Europa gab, bewundern. Diesmal hatte man Vorkehrungen getroffen: in der Stadt durften nur 15 km pro Stunde gefahren werden, auf dem offenen Land 45, ansonsten drohte die Disqualifikation. Von Staubwolken war keine Rede mehr.

Fotos: © Lentia Verlag

2020-01-27T23:11:51+01:00