Ausgeraucht, aber nicht verglüht

Das Tschicksal machte aus der Tabakfabrik eine moderne Start-up-Schmiede – früher ein Mega-Betrieb.

Als 2009 die Zigarettenproduktion in der Linzer Tabakfabrik eingestellt wurde, schloss ein Traditionsbetrieb seine Pforten. Dort, wo über Jahrzehnte hinweg Tabak produziert wurde, rauchen heute die Köpfe. Ein innovatives Projekt brachte es zustande, dass die einstige „Tschickbude“ zum Ort der Begegnung, der Kreativität, der Digitalisierung und der Heimat etlicher Start Ups wurde.

Über eine Milliarde Zigaretten pro Jahr wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Linzer Tabakfabrik hergestellt. Diese schier unglaubliche Menge war möglich, da es in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie ein Tabakmonopol gab. Die somit staatlich geregelte Tabakwirtschaft spülte ordentlich Profit in die Kassen der Habsburgermonarchie.
Anfangs nur für die Tschickeria.  Die Geschichte des Rauchens selbst geht auf Christoph Columbus zurück. Er brachte die Tabakpflanze nach Europa. Lange war Tabak der Oberschicht vorbehalten, bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Zigarette erfunden wurde. Diese preiswerte Alternative zur Zigarre ermöglichte es plötzlich einer breiten Masse zu rauchen. Die massive Nachfrage führte zur Gründung mehrerer Zigarettenfabriken innerhalb der Monarchie, so im Jahr 1850 auch jener in Linz.
Aus alt mach neu. Platz fand man in der ehemaligen „K.K. Wollzeug- und Teppichfabrik“. Dieser Betrieb, der bereits 1668 gegründet und in einem großen barocken Gebäudekomplex an der Donaulände beheimatet war, musste wegen Unwirtschaftlichkeit weichen. Die „Tschickbude“, wie sie in der Bevölkerung liebevoll genannt wurde, nahm dort ihre Produktion auf, doch konnte sie die Nachfrage kaum befriedigen. 1923 wuchs der Mitarbeiterstand bereits auf über 1.400 Personen.
Architekturdenkmal. Zu dieser Zeit wurde der Bau eines neuen Fabriksgebäudes beschlossen. 1928 erfolgte die Grundsteinlegung für das legendäre Gebäude der Architekten Behrens und Popp. Groß angelegt und mit modernstem Standard ausgestattet, wurden die „Austria Tabakwerke“ 1935 fertiggestellt. Dass das Gebäude während der Kriegswirren nur leichte Schäden davontrug, kann als Glück bezeichnet werden. Zwar kam es mit Kriegsende zu Plünderungen und der Besetzung durch US-Truppen, doch konnte die Produktion stets fortgesetzt werden. Und das, obwohl allgemeiner Mangel an so gut wie allem herrschte.
Auf der Kippe. Einen kurzfristigen Engpass gab es nur, als im Mai 1946 die Messer der Tabakschneidemaschinen geschliffen werden mussten. Tabak und Papier waren für die Produktion vorhanden, jedoch fehlte es an Schleif- und Schmirgelsteinen. In ganz Österreich hielt man Ausschau nach einer Firma, die solche Steine herstellen konnte. Die Lage schien erst aussichtlos und man fürchtete nach über 100 Jahren den ersten Stillstand. Im letzten Moment fand man den Maschinenerzeuger Florian Rohrhuber in Wels, der ab 1944 eine Werkstätte im Poschmairhof in Pichling betrieb. Dank seines Schleif-Know-hows konnte der drohende Produktionsausfall abgewendet werden.
Die letzten Züge. 1997 erfolgte die Privatisierung der Austria Tabakwerke. Es waren vor allem Denkmalschutzauflagen, die eine Fortführung für die Betreiber unrentabel machten. Die Stadt Linz kaufte das Gebäude glücklicherweise zurück. Heute ist das Architekturjuwel Sitz von Organisationen und Firmen, und nicht zuletzt auch Drehort für die Krimiserie SOKO Linz.

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Fotos: © Lentia Verlag

2022-05-01T19:55:36+02:00