WAHL: am 29. September geht es wieder um jede Stimme.

Kommt es zu einer Neuauflage von Türkis-Blau, Türkis-Rot oder garerstmals in der Geschichte zu einer komplizierten Dreier-Koalition?

Die kandidierenden Parteien stehen fest. Alle Spitzenkandidaten und Abgeordneten sind aus dem Urlaub zurück und die Stimmzettel längst im Druck. Jetzt, rund drei Wochen vor der Nationalratswahl, kommen wir in die heiße Phase des Wahlkampfs. Insgesamt acht Parteien treten bundesweit bei der Nationalratswahl am 29. September an. Fünf davon haben wieder gute Chancen, in das Parlament einzuziehen.

Einen Löwenanteil der insgesamt  183 Sitze im Nationalrat dürfte  – da sind sich alle Umfragen einig – wieder die ÖVP unter Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz (33) gewinnen. 

ÖVP bleibt Nr. 1. Der smarte „Türkise“ hat mit seinem Team schon bei der letzten Wahl 2017 mit einem Wähleranteil von über 31 Prozent (siehe auch Grafik oben) die meisten Stimmen abgeräumt. Dieses Mal – nach der Ibiza-Affäre und einem wohl daraus resultierenden Wählerschwund beim bisherigen Koalitionspartner – werden es mit ziemlicher Sicherheit mehr sein. Denn die, die bisher aus Angst vor einer weiteren Massenzuwanderung die FPÖ gewählt haben, werden nun zumindest teilweise Kurz wählen, zumal der jüngste Kanzler aller Zeiten ohnehin auch für einen restriktiven Flüchtlings- und Zuwandererkurs steht.
SPÖ kommt nicht voran. Die 2017 noch knapp vor den Freiheitlichen liegenden Sozial-demokraten mit ihrer neuen Vorsitzenden Pamela Rendi-Wagner (48) konnten bislang aus dem Scheitern der Vorgängerregierung keinerlei Vorteile ziehen. Zu schwach agierte die SPÖ bislang auch in der Oppositionsrolle und zu verbissen – was auch wenig sympathisch wirkt – tritt Rendi-Wagner, nicht nur am TV-Bildschirm, auf. Den Roten droht wohl ein „Absturz“ in der Wählergunst in Richtung 22 Prozent, schlimmstenfalls scheint sogar Platz 3 hinter der FPÖ möglich.
Hofer kommt gut an.  Womit wir schon beim dritten Spitzenkandidaten wären: Norbert Hofer (48). Der Freiheitliche hat nach dem Rücktritt von
H. C. Strache im Mai die Führung der Partei übernommen und muss die hinterlassenen „Ibiza (Video-)Scherben“ nun aufräumen, was alles andere als eine leichte Aufgabe ist, zumal Strache immer wieder aus dem Hintergrund wenig hilfreiche „Opfer-Kommentare“ von sich gibt. Aber einen Vorteil hat der neue FPÖ-Chef jedenfalls: Die Leute mögen den Burgenländer, der sich beim letzten Hofburg-Duell nur ganz knapp Bundespräsident Alexander van der Bellen geschlagen geben musste und dadurch natürlich noch immer einen hohen Bekanntheitsgrad genießt. Mit etwas Glück und guten TV-Auftritten kommen die Freiheitlichen, dank Hofer, also vielleicht tatsächlich mit einem „blauen Auge“ davon. Ein Minus wird es jedenfalls – aber wohl nicht so massiv wie ursprünglich noch befürchtet.
Gute Karten für Grüne. Dank Klimadiskussion und Hitzesommer scheint der (Neu-)Einzug der Grünen unter Frontmann Werner Kogler nur noch eine Formsache zu sein. Und auch wenn er selbst zur „alten Garde“ zählt, der Wiener Grüne weiß: mehr Realitätssinn und weniger oberlehrerhaftes Getue ist gefragt. Und dann klappt es auch wieder mit dem Parlamentseinzug. So wie bei den Neos, die mit Beate Meindl-Reisinger (41) ebenfalls eine neue Chefin haben. Und dank einer 300.000 Euro Riesenspende vom Industriellen Hans Peter Haselsteiner ist im Gegensatz zu so mancher Kleinpartei die Kampagnenfähigkeit jedenfalls auch zum Finale hin gesichert.
Pilz kämpft (noch). Wenig Chancen werden am 29. September Parlaments-Urgestein und „Liste Jetzt“-Gründer Peter Pilz eingeräumt. Der 65-jährige Ex-Grüne kämpft an der Seite seiner Parteichefin Maria Stern (47) um den Wiedereinzug in den Nationalrat. Doch der ist laut allen Umfragen mehr als ungewiss. Es könnte also gut sein, dass eine schillernde Parlamentskarriere nun tatsächlich bald ihr Ende findet.

Klima & Sicherheit im Fokus
Ja, dieser Wahlkampf hat es in sich. Leider ging es bislang aber weniger um Themen und Inhalte als viel mehr um gegenseitige Schuldzuweisungen, Anschüttungen und Fake-News. Höchste Zeit also, dass der Wähler seine Meinung mit seiner Stimme kundtut. Und der hat bekanntlich immer recht in einer Demokratie und „straft“ die Heuchler, Oberlehrer und Realitätsverweigerer meist sowieso ab. Deshalb sind nun auch alle Politiker gut beraten, zumindest im Wahlkampf-Finish auf mehr Respekt und noch mehr Fairness und Sachlichkeit zu achten. Insbesondere die Klimakrise und die Themen Sicherheit und Zuwanderung stehen im Fokus des Wähler-Interesses. Wer da die glaubhaftesten Vorschläge hat und dann auch bei den jetzt noch anstehenden TV-Diskussionen nicht ganz unsympathisch mit der „Moralkeule“ rüberkommt, der hat gute Chancen diese Wahl, die viele Österreicher gar nicht wollten, auch gut zu schlagen. Und die Türkisen und Blauen sollten sich ihre Erfolge – selbst im Wahlkampf – gegenseitig nicht allzu schlecht reden, zumal eine deutliche Mehrheit der Bürger bis zum Koalitionsbruch (aufgrund des Ibiza-Videos) mit dieser Regierung weitgehend zufrieden war. Möge das auch künftig so sein – egal in welcher Konstellation!

Fotos: © Simonis, pixabay, Glaser, Jantzen, Wilke, Williams

2019-09-02T23:43:23+02:00