• MAN KENNT UND SCHÄTZT SICH. Kult-Karikaturist Gerhard Haderer und Walter Witzany haben sich beim FrĂŒhstĂŒck im Cafe Central glĂ€nzend unterhalten. Das ganze GesprĂ€ch kann man im Podcast nachhören.

Ein genialer Typ

Kult-Zeichner Gerhard Haderer feiert den 75. Geburtstag.

🔊Hier geht’s direkt zur Podcast‑Episode mit Gerhard Haderer
Es wird „mofftalgisch”: Ich treffe den Gerhard Haderer, den Kult-Cartoonisten im CafĂ© Central in der Linzer Innenstadt. Er wird im Mai 75. Seine Karikaturen erscheinen in bekannten Magazinen, und seine Ausstellungen – wie jene ab 29. Mai im Linzer Schlossmuseum – ziehen Massen an.

Und mit ihm nahmen wir auch unseren ersten Podcast auf.

Lieber Gerhard, wie hat eigentlich alles mit dem „Haderer” begonnen?

Ich habe als Kind stĂ€ndig gezeichnet. SpĂ€ter habe ich gemerkt, dass meine Zeichnungen Aufmerksamkeit erregen – nicht immer positiv. In der Schule gab es deswegen sogar kleine Skandale. Aber ich habe gesehen: Die Leute schauen hin. Also habe ich weitergemacht mit etwas, das mir Spaß macht. Daraus ist ein Beruf geworden. Es war aber kein Plan dahinter, eher ein Hineinwachsen in etwas, das sich einfach richtig angefĂŒhlt hat.

Du bist in Leonding geboren – welche Rolle hat spĂ€ter Linz fĂŒr Dich gespielt?

Leonding war damals ein Dorf. FĂŒr Abenteuer bin ich nach Linz gefahren – das war fĂŒr mich das Zentrum des Planeten. Ein Drecksnest, wie man heute rĂŒckblickend sagt. Ja (lacht), ich habe es damals so empfunden. Mittlerweile ist Linz natĂŒrlich eine der lebenswertesten und kultiviertesten StĂ€dte der Welt (zwinkert). Dort habe ich gespĂŒrt, dass es mehr gibt als die eigene kleine Umgebung. Diese Spannung zwischen Provinz und Stadt hat mich geprĂ€gt.

Stimmt es, dass ein Professor an der Grafik-HTL einmal zu Dir gesagt hat: „Haderer, ein Grafiker wirst Du nie”?

Ja, das stimmt. Und ich habe mir gedacht: Das ist mir wurscht, dann werde ich halt der Haderer. Solche SĂ€tze vergisst man nicht. Sie setzen sich fest und wirken weiter – im besten Fall eben als Antrieb.

Wie reagiert das Publikum auf Deine Karikaturen?

Überraschend positiv. Ich muss auch sagen, dass der große Manfred Deix mit seinen Schweinereien, die er gemalt hat, das Publikum schon auf den Haderer vorbereitet hat. So habe ich schon eine mehr oder weniger offene TĂŒre gefunden und habe halt meine Sicht der Dinge dargestellt. Everybody’s darling wollte ich aber eh nie sein. Ich bin halt nicht der Hansi Hinterseer, obwohl ich so eine Frisur habe wie er (zwinkert). Ich zeichne ohne Botschaft, ohne Predigt. Ich beobachte, was passiert, und bringe es auf den Punkt. Und diese Sichtweise ist fĂŒr jeden zumutbar. Dass daraus manchmal Skandale entstehen, hat mich anfangs irritiert, heute sehe ich das gelassener.

Gab es Momente, in denen Du auch an Grenzen gestoßen bist?

Ja, natĂŒrlich. Gerade wenn man politisch arbeitet, stĂ¶ĂŸt man hĂ€ufig auf WiderstĂ€nde. Es gab Versuche, mich ruhigzustellen oder zumindest einzubremsen, etwa einen Gerichtsprozess, weil ich Politiker mit einem kleinen GemĂ€cht gezeichnet habe. Man wollte dann aber meinem Wunsch nicht folgen und den Wahrheitsbeweis antreten (lacht). So etwas gehört dazu. Wenn Satire niemanden stört, dann ist sie ja belanglos. Manche Politiker laden mich auch zum Essen ein – vielleicht, um nicht gezeichnet zu werden (lacht). Aber ich lehne meistens ab.

Zeigen Politiker auch Humor?

Ja, durchaus. Manche haben sich wiedererkannt – manchmal auf eine sehr eigene Art. Das zeigt auch, dass Humor nicht bei allen gleich funktioniert. Aber genau das macht es interessant. Ich habe einmal den SchĂŒssel und den Vranitzky als Dick und Doof gezeichnet. Der Vranitzky hat den SchĂŒssel sofort erkannt und mich dann aber gefragt, wer denn der Blade daneben ist.

Du hast einmal gemeint, dass Du nicht fĂŒr ein Publikum zeichnest. 

Genau. Ich habe nie fĂŒr Zielgruppen gearbeitet. Ich zeichne das, was ich denke. Manchmal braucht es Zeichnungen, weil Fotos nicht ausreichen, um Wirklichkeit zu zeigen. Ein Foto bildet ab, eine Zeichnung interpretiert – und manchmal trifft sie damit nĂ€her an die Wahrheit.

Auf welches Bild von Dir bist Du eigentlich am meisten stolz?

Das gibt es nicht. Wichtig ist stets das, woran ich gerade arbeite. Das ist aktuell der Abschied von Viktor Orban. Alles andere ist abgeschlossen. Ich schaue nicht zurĂŒck. Im Moment interessiert mich, was jetzt passiert – politisch, gesellschaftlich. Daraus entsteht die nĂ€chste Zeichnung. Ich bin im Grunde meines Herzens ein fauler Hund. Aber wenn es Spaß macht, dann arbeite ich die Nacht durch.

Wer ist Dein strengster Kritiker?

Meine Frau. Wenn sie sagt, „das verstehe ich nicht“, wird die Zeichnung verworfen. Sie ist meine erste Instanz. Es ist so: Entweder versteht der Leser sofort, worum es geht oder er blĂ€ttert weiter. Diese Direktheit ist wichtig. Man darf sich nicht in komplizierten Gedanken verlieren.

Hattest Du auch mal ExistenzÀngste?

Ja, schon. Ich habe lange gedacht, dass man vom Zeichnen nicht leben kann. Meine Eltern waren auch skeptisch. Der Erich Sokol hat einmal gemeint, ich solle doch zum ORF gehen. Ich habe mich aber bewusst fĂŒr ein einfaches Leben entschieden und habe ja auch eine sparsame Frau. Damit ist es sich immer ausgegangen. Oft braucht man weniger, als man glaubt.

Woher kommen Deine Ideen?

Ich habe keine Ideen. Mir fÀllt nichts ein, aber mir fÀllt vieles auf. Und das zeichne ich. Es ist eher ein Prozess des Hinschauens als des Erfindens.

Du hast die „Schule des Ungehorsams“ gegrĂŒndet. Warum?

Weil es mehr davon braucht. Ohne Ungehorsam gibt es keinen Fortschritt. Wir mĂŒssen auf unsere Demokratie achten. Es kann nicht sein, dass Menschen nicht miteinander reden. Man muss sich informieren, sich einmischen und verstĂ€ndlich ausdrĂŒcken. Das ist die Grundlage funktionierenden Zusammenlebens.

Was möchtest Du der großen CITY!-Leserfamilie heute als Botschaft mitgeben?

Freiheit ist ein Luxus, aber auch ein empfindliches PflÀnzchen. Wenn wir sie nicht pflegen, geht sie ein. Also nicht wegschauen, sondern Haltung zeigen und sich einbringen. Demokratie lebt vom Mitmachen.

Du feierst am 29. Mai den 75. Geburtstag 


Ich staune selbst darĂŒber. Wenn man mich nachts weckt, glaube ich 20 zu sein – aber die Fakten sprechen natĂŒrlich dagegen. Ich habe jedoch genug Material, um weiterzuarbeiten – und das ist das Entscheidende. Solange ich arbeite, bin ich.

Ein guter Tag
 ist jeder Tag, wenn man ihn positiv beginnt
Meine letzte LĂŒge war
 ich hab noch nie gelogen, und das ist die grĂ¶ĂŸte LĂŒge
Geld ist
 das Wichtigste, weil alle sind glĂŒcklich wenn sie es haben
Wenn ich morgen fĂŒnf Millionen im Lotto gewinnen wĂŒrde
 das wĂ€r mir zu wenig, ich kann damit nĂ€mlich nicht umgehen
Blau-Weiß ist fĂŒr mich
 eine Religion, die Einzige, die ich wirklich akzeptiere
Wenn ich im Hotel einchecke, schreibe ich ins Feld Beruf
 Spaßvogel
Meine Frau nennt mich
 Liebster, und sie hat recht damit
Meine Kinder
 muss ich nachzĂ€hlen, aber sie sind alle erwachsen 
Mit Schmeicheleien
 kann man bei mir nicht landen
Zornig werde ich
 ĂŒberhaupt nie
Geheimnisse 
 jede Menge, die ich aber nicht verrate
Ich entspanne mich
 bei meiner Arbeit
Ruhestand
 gibt es fĂŒr mich nicht
Lieblingsschimpfwort
 hab ich auch nicht
Bei Kritik
 bin ich a bissal heikel
SMS, WhatsApp oder Telefon
 SMS geht 😉
Meine letzten Worte sollen sein
 TschĂŒss

Fotos: © Gerhard Haderer, T.Duschlbauer

2026-05-24T19:07:06+02:00